Edvard Grieg
| Griegs Vater Alexander war Kaufmann und britischer Konsul in Bergen, der gleichnamige schottischstämmige Urgroßvater seit 1799 dänisch-norwegischer Staatsbürger. Eigentlich Greig geheißen, änderte er bei der Verleihung der Staatsbürgerrechte die Schreibweise seines Namens in Grieg, um die damaligen Sprachgewohnheiten seiner Mitbürger mit dessen eigentlichem Klang abzustimmen (J.R. Greig 1952). Mutter Gesine war eine bei Albert Methfessel im damals dänischen Altona (Jetzt Hamburg) ausgebildete Pianistin und Sängerin, die als Begleiterin und Pädagogin wesentlich das Musikleben der Stadt prägte. Gesines Vater war der Gerichtspräsident Edvard Hagerup, einer der Delegierten der ersten norwegischen Reichsversammlung, die am 10. April 1814 mit dem Ziel der Erarbeitung eines Grundgesetzes zur Deklaration eines unabhängigen Staates zusammengetreten war. (Im Kieler Frieden 1814 war Dänemark gezwungen worden, Norwegen an Schweden abzutreten, was in Norwegen starke Reaktionen hervorgerufen hatte.) Edvard war das vierte von fünf Kindern Gesine und Alexander Griegs. Bruder John (1840-1901) begann seine Berufslaufbahn als Cellist und war Anreger u.a. der Sonate op. 36 und der Suite BoSE 118; von ihm selbst ist ein Capriccio für Kl. erhalten. Schwester Benedicte (1838-1918) half Edvard bei der Ausschrift seiner ersten Kompositionsversuche. Ein Klaviertanz namens Larvikspolka, entstanden in und benannt nach der südostnorwegischen Kleinstadt Larvik, ist möglicherweise ihre Komposition; endgültige Belege für diese Sichtweise stehen noch aus (K.H. Oelmann 1993b). |
BERGEN grenzt unmittelbar an den Distrikt Fana mit seiner lebendigen Volksmusiktradition. Es darf daher als sicher gelten, dass Grieg als Kind mit Volksmusik in Berührung gekommen ist. Insofern musste die Begegnung mit den Aufzeichnungen Ludvig Mathias Lindemans 1869 in ihrer Bedeutung für das "Griegsche Schaffen" relativiert werden: Schon in den 3 Klavierstücken aus dem Jahre 1860 lassen sich volksmusikalische Einflüsse nachweisen (D. Schjelderup-Ebbe 1961, O. Gurvin 1953). Auch müssen die Besuche des Volksmusikers und Violinvirtuosen Ole Bull, einem engen Freund der Familie, bei Edvard nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Nicht zuletzt auf Bulls Empfehlung wurde Grieg 1858 zum Studium nach Leipzig geschickt. Es verdient Beachtung, dass Bull sich selbst als Komponist betätigte, seiner Grenzen sich trotz Versuchen in der Großform jedoch bewusst war. Es kann daher die These vertreten werden, dass - vor dem Hintergrund seines eigenen relativen Unvermögens - Bull durch sein Insistieren auf einer gründlichen theoretischen Ausbildung Griegs diesen bereits damals als möglichen Vollender der norwegischen nationalromantischen Musik sah. |
GRIEG studierte bei Louis Plaidy, Ernst Ferdinand Wenzel, Ernst Friedrich Richter, Benjami Robert Papperitz, Moritz Hauptmann, Carl Reinecke und Ignaz Moscheles (H. de Vries Stavland 1996). Eine Ouvertüre und ein Streichquartett aus dieser Zeit haben sich nicht erhalten, obwohl letzteres in Auszügen bei Griegs norwegischem Debüt (s.u.) aufgeführt wurde. Griegs Invektiven zu seiner Studienzeit (E. Grieg 1905) haben immer wieder zu über deren sachlichen und Diskussionen emotionalen Gehalt geführt. Jüngere Forschungen deuten darauf hin, dass es eher der Geist der Presse in Leipzig als der Unterricht am Konservatorium war, der Griegs Urteil prägte. Bereits sein op. 1, die Vier Stücke für das Pfte., wurden von der AmZ mit dem Hinweis auf angebliche Regelverstöße abschätzig beurteilt (K. Skyllstad 1977), die Rezensionen der Werke der mittleren Schaffensperiode durch die Signale für die musikalische Welt, u.a. des Opernfragmentes Olav Trygvason (A. Kühn 1894) und des 2. Streichquartettes op. 27 (K.H. Oelmann 1992), nahmen den Charakter einer Kampagne an. Die Qualität des Unterrichtes am Konservatorium steht hingegen nach Untersuchungen von J. Reisaus (1988) und D. Schj.-Ebbe (op. cit.) nicht mehr in Zweifel. Auch konnte die Ansicht von der einseitigen ästhetischen Ausrichtung des Institutes bei Berücksichtigung der Tatsache, daß Franz Brendel dort 1846-1868 Ästhetik und Musikgeschichte lehrte (W. Konold 1996), nicht mehr in dieser Konsequenz aufrechterhalten werden.
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In die Studienzeit Griegs fiel eine schwere Brustfellentzündung, die einen Lungenflügel außer Funktion setzte. Grieg trug äußerlich einen Haltungsschaden davon, war aber bis etwa 1903, von gelegentlicher Atemnot bei starken körperlichen Anstrengungen abgesehen, beschwerdefrei (O.D. Lærum 1993). Sein Debut als Pianist gab Grieg am 18. Juni 1861 im südschwedischen Karlshamn. Eine vermutete tiefergehende Beziehung zu Therese Berg, Tochter des schwedischen Reichtagsabgeordneten C.C. Berg, ließ sich bislang nicht bestätigen. Als Komponist debütierte Grieg am 21. Mai 1862 in Bergen mit Ausschnitten aus dem 1. Streichquartett, den Klavierstücken op. 1, den Liedern op. 2 sowie dem verschollenen Klavierlied Ich denke dein auf einen Text J.W.v. Goethes (D. Schj.-Ebbe 1964). 1863 ging Grieg nach København, wo er mit seinem Landsmann Rikard Nordraak und mit Niels Wilhel Gade zusammentraf. Letzterer forderte Grieg zur Komposition einer Symphonie auf (K. Skyllstad 1993b). Ursprünglich als op. 3 vorgesehen, zog Grieg sie nach fünf Teilaufführungen zurück. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch verblieb sie ungedruckt, bis im Dezember 1980 Valentin Kataijev durch die erste vollständige Aufführung in Moskva das Werk der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte (L. Berger 1981/1993, G. Johnson 1982). Es ist weiterhin ungeklärt, warum Grieg die Symphonie gleich nach ihrer Entstehung nicht veröffentlicht wissen wollte. Zwar ist darauf hingewiesen worden, dass Grieg von dem symphonischen Erstling seines Landsmannes Johan Svendsen (op. 4 D-Dur) sehr beeindruckt war (F. Benestad/D. Schj.-Ebbe 1980). Doch kann daraus nicht ohne weiteres geschlossen werden, dass die Uraufführung dieses Werkes Griegs Entscheidung seine eigene Komposition betreffend, beeinflußte. Denn deren vorläufig letzte Aufführung fand am 25. Nov. 1867 in Bergen nach der Uraufführung von Svendsens Werk (am 12. Okt. d.J. in Oslo) statt. Griegs Rezension dieses Konzertes in der Tageszeitung Aftenbladet vom 14. Okt. zeigt überdies, dass er der formalen Anlage des zweiten Satzes und der Instrumentation einer weiteren zur Aufführung gelangten Komposition Svendsens kritisch gegenüberstand (E. Grieg 1972a). Der Begegnung mit Rikard Nordraak kommt nach neueren Erkenntnissen nicht der Charakter zu, der ihr ursprünglich zugemessen wurde. Zwar stammt Griegs programmatische Aussage «Wir verschworen uns gegen den Gadeschen, mendelssohnvermischten weichlichen Skandinavismus und schlugen mit Begeisterung den neuen Weg ein, auf welchem die nordische Schule sich jetzt befindet.» aus dieser Zeit. Sie bedeutete jedoch kaum mehr als eine publikumswirksame polemische Spitze an die Adresse der etablierten Musikforeningen, gegen die sich Grieg und seine Streitgenossen - außer Nordraak noch Christian Frederik Emil Horneman, Louis Hornbeck, Gottfred Matthison-Hansen und Hans Christian Andersen - wandten. Weder kommt der von ersteren gegründeten Musikgesellschaft Euterpe stil- oder gar schulbildender Charakter zu, noch war und ist Gades Schaffen als das eines Mendelssohn-Epigonen mit nachlassenden folkloristischen Einschlägen zu sehen (H.H. Eggebrecht 1991, S. Oechsle 1992). Der Briefwechsel zwischen dem Verlagsleiter der Edition Peters, Max Abraham, und Grieg zeigt, daß es damals gerade der formal in Gades Spuren wandelnde Sonaten- und Symphoniekomponist Grieg war, der in Leipzig und København Aufsehen erregte. Unbestritten ist, daß Grieg an Nordraak dessen ichbezogenen Optimismus bewunderte und ihn als Erfinder von aus dem Geist der Volksmusik geschaffenen Melodien schätzte (O. Gurvin 1942). Nordraaks Tod am 20. März 1866 ging Grieg sehr nahe. Er litt fast sein ganzes Leben unter dem Gedanken, seinen Freund in der Not im Stich gelassen zu haben, da er im Dezember des Vorjahres allein zu einer gemeinsam geplanten Italienreise aufgebrochen war, obwohl er bei Nordraak im Wort stand, zunächst zu ihm zurückzukehren. Es kann angenommen werden, dass Grieg sich im Bewusstsein der eigenen körperlichen Versehrtheit von Nordraak zurückzog, dessen schwere tuberkulöse Infektion schließlich zum Tode führte
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In Italien lernte Grieg u.a. Henrik Ibsen, Niels Ravnkilde und Giovanni Sgambati kennen. Eine erste Begegnung mit Werken Liszts erregte Griegs Widerwillen: «Affektiert, kränklich, form-, gedanken- und ideenlos..., ein trauriger Beweis für den Verfall der neueren deutschen Musik» schrieb er am 4. Jan. 1866 zu dessen Stabat mater in sein Tagebuch. Auch einem der späten Beethoven-Quartette, womöglich op. 132, konnte er nichts abgewinnen (Tagebucheintragung vom 21. März 1866). Griegs Verhältnis zu Ibsen blieb verhältnismäßig distanziert. Zwar war er ein aufmerksamer Rezipient des Ibsenschen Œuvre, doch vermeinte er in der Kunst seines Landsmannes einen pessimistischen Grundzug zu erkennen, der ihm selbst fremd war (H. Noreng 1993). In der Frage der Anstellung eines Griegschen protégés, die Ibsen zu Griegs Bedingungen ablehnte, kam es später zu Spannungen zwischen beiden. 1866 ließ Grieg sich in Oslo nieder. Im Juni 1867 heiratete er seine Base Nina Hagerup. Diese Verbindung war nicht ohne Konflikte zustande gekommen; weder Eltern noch Schwiegereltern erschienen zur Hochzeit. Zehn Monate später kam Tochter Alexandra zur Welt, die schon im Alter von 13 Monaten starb. Zur Erklärung dieses frühen Todes konnten inzwischen auch humangenetische Erklärungsmodelle angeboten werden (H.-A. Freye 1986, H. Stengel 1987), die aber naturgemäß der letzten Beweiskraft entbehren. Grieg bewarb sich auf Vermittlung Ibsens auf die Stelle des Theaterkapellmeisters in Oslo, welche aber bereits vergeben war. Auch hatte er Orgelunterricht genommen und bei Hans Matthison-Hansen, dem Domorganisten von Roskilde, ein Examen abgelegt. Doch hatte auch Griegs Wirken als Kirchenmusiker in Oslo keinen dauerhaften Erfolg. So blieb seine Tätigkeit als Klavierlehrer längere Zeit die einzig regelmäßige und einträgliche. Auf Anregung des künstlerischen Leiters Otto Winter-Hjelm übernahm Grieg im Frühjahr 1867 drei Abonnementskonzerte von Det Filharmoniske Selskap als Dirigent und organisierte im Winter 1867/68 vier Konzerte mit eigens zusammengestelltem Orchester, wo u.a. Symphonien Mozarts, Beethovens, Gades und Winter-Hjelms zur Aufführung gelangten. Zusammen mit letzterem hatte Grieg im Jan. 1867 die Musikkakademi gegründet, ein Konservatorium mit angeschlossenem pädagogischen Seminar, wo er Musiktheorie, Partiturspiel und Komposition unterrichtete. Wegen mangelnder Nachfrage erfreute sich die Einrichtung keines langen Lebens. Mit den künstlerischen Bedingungen in der Hauptstadt unzufrieden, beantragte Grieg ein staatl. Stipendium für einen zweiten Italienaufenthalt, kam aber erst im Sommer 1869 in den Genuß des Geldes, obgleich ihm Persönlichkeiten wie Moscheles, Gade, Johann Peter Emilius Hartmann, schließlich auf Vermittlung Ravnkildes auch Liszt Empfehlungsschreiben gesandt hatten. Letzteren traf Grieg 1870 dann in Rom. Im selben Jahr gründete er mit anderen Persönlichkeiten des norwegischen Kulturlebens in Oslo Musikkforeningen (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Københavner Institution), der kurz darauf auch Johan Svendsen beitrat. Beide versuchten, aufbauend auf dem symphonischen Werk der Wiener Klassik, der deutschen Frühromantik und der dänischen nationalen Tradition, Oslo wieder zu einem vom Theaterbetrieb unabhängigen, professionell geführten Orchester zu verhelfen, nachdem sich die philharmonische Gesellschaft kurz nach Griegs dortigem Wirken aufgelöst hatte. Ab 1873 dirigierte Svendsen die reinen Orchesterkonzerte, Grieg die mit Chorbeteiligung
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Das Jahr 1874 brachte die Anfrage Ibsens nach einer Szenenmusik für seinen Peer Gynt, der damals bereits in dritter Auflage erscheinen sollte. Grieg konnte sich, da eine Zusammenarbeit mit Bjørnstjerne Bjørnson bez. eines Librettos über einen mythologischen Stoff aus der Zeit der Christianisierung Norwegens ins Stocken geraten war, umgehend ans Werk machen (R. Andersen 1993). Peer Gynt ging am 24. Febr. 1876 in der Inszenierung Ludvig Josephsons mit Dekorationen Fritz Thaulows zum ersten Male über die Bretter. Zwei Monate zuvor hatte Grieg an den Dirigenten der Uraufführung, Johan Hennum, einen Brief mit ausführlichen Interpretations- und Regieanweisungen geschickt (E. Grieg 1972a). Kurz darauf überließ Grieg die Rechte an Teilen des Klavierauszuges dem Verlag C.C. Lose in København. Ebenfalls 1876 konnte Grieg auf Einladung Abrahams Generalproben und Uraufführung des Ring des Nibelungen besuchen; ins gleiche Jahr fällt ein Konzert mit Henryk Wieniawski, mit dem er u.a. seine 2. Violinsonate op. 13 spielte. Die zunehmende Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch, Berufung zum Komponieren und Teilnahme an künstlerischen Ereignissen von Weltrang einerseits und der von ihm so empfundenen provinziellen Enge Oslos andererseits förderten den Bruch der Lebensverhältnisse, den Grieg Mitte 1877 mit seinem Umzug in die Einsamkeit des Sørfjordes südöstlich Bergens vollzog. Hier entstanden oder wurden begonnen einige seiner wichtigsten Werke der mittleren Schaffensperiode, das 2. Streichquartett op. 27, das Album for mannsang nach norwegischen Volksweisen op. 30 und die Tolv melodier op. 33 auf Gedichte Aasmund Olavsson Vinjes. 1880 übernahm Grieg für zwei Saisons den Dirigentenstab bei Musikkselskapet «Harmonien»s Orkester in Bergen, welches seit 1765 besteht. Grieg weitete das Repertoire auf zeitgenössische und alte Musik aus und machte, unterstützt von seinem Bruder und seiner Frau, das Publikum mit Werken Schuberts, Schumanns und Händels bekannt (K. Festing 1965). Man kann annehmen, daß Grieg diesen Posten nicht ohne Not angetreten hatte: Die Popularität der 1. Violinsonate op. 8, der Lyriske stykker op. 12 und der Folkelivsbilder op. 19 hatte Grieg mit den folgenden Kammermusik- bzw. Klavierkompositionen noch nicht wieder erreicht, einer schnellen Verbreitung des 1. Klavierkonzertes und des 2. Streichquartettes stand die Veröffentlichung in einem relativ kleinen Verlag entgegen. Grieg stand 1880 womöglich vor der Notwendigkeit, sich wieder eine regelmäßige Einnahmequelle zu verschaffen. In wie weit Griegs Beziehungen zu seiner Gastgeberin auf dem Lande, Brita Utne, als Ursache für die neuerliche Übernahme einer künstlerisch-pädagogischen Tätigkeit mit eine Rolle spielten, ist weiterhin ungeklärt. Der Briefwechsel zwischen beiden wurde teils vernichtet, teils steht er der wissenschaftlichen Auswertung nicht zur Verfügung. Dass es Spannungen in der Ehe Griegs gegeben hatte, zeigt u.a. die Tatsache, dass Edvard 1883 seine Frau verließ mit dem Vorsatz, nach Paris zu der norwegischen Malerin Leis Schjelderup zu fahren. Dort kam er jedoch nie an. Eine kontinentale Rundreise führte ihn stattdessen u.a. nach Breslau zu Max Bruch, nach Weimar zu Liszt, nach Bayreuth zur Aufführung des Parsifal (H. Krellmann 1999), nach Frankfurt/Main zu Clara Schumann und nach Amsterdam zu Julius Röntgen (H. de Vries Stavland 1993). Erst 1885 bekam Griegs Lebensweise etwas weniger Unstetes, als seine Villa Troldhaugen in Hop vor den Toren Bergens fertig wurde. Ein Heim im engeren Sinne wurde sie jedoch nicht, da sie sich als für den Winteraufenthalt ungeeignet erwies (N.R. Graves 1953, J. Arbo et al. 1954).
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Konzertreisen, die Grieg nach 1885 unternahm, führten ihn durch ganz Mittel- und Westeuropa; u.a. dirigierte und spielte er in Warszawa, Berlin, Dresden, Leipzig, Prag, München, Wien, Budapest, Paris, London und Birmingham. So lernte er 1887 den russischen Violinvirtuosen Adolph Brodskij kennen, dem er wichtige Anregungen für die endgültige Ausformung seiner 3. Violinsonate op. 45 verdankte (F. Benestad/D. Schj.-Ebbe 1993). Beide spielten die Uraufführung dieses Werkes am 10. Dez. 1887 im Leipziger Gewandhaus. 1888 machte sich Grieg an die Revision der 1873 begonnenen Komposition auf Bjørnsons unvollendetes Libretto Olav Trygvason (s.o.; D.L. Axelsen 1960). Der Dichter hatte nach dem vorläufigen Scheitern der Zusammenarbeit den Verkehr mit Grieg für fünf Jahre ganz abgebrochen, und erst die triumphalen Aufführungen im Okt. 1889 in Oslo söhnte beide vollständig miteinander aus. Die Konzerte markieren gleichzeitig Griegs späten, uneingeschränkten Durchbruch als Komponist in seinem Heimatland. In den neunziger Jahren wandte Grieg sich verstärkt der Volksmusik Westnorwegens, und hier insbesondere der Musik der hardingfela (Hardangerfidel; R. Sevåg 1992, H. Kaasa et al. 1997) zu. In Bergen aufgefundene Skizzenblätter dokumentieren, daß Grieg selbst durchgearbeitete Aufzeichnungen von Fideltänzen herstellte. Die Folkeviser op. 66 für Klavier schrieb Grieg nach Übertragungen seines engsten Freundes, des Bergener Steuerexperten Frants Beyer, die Slåtter op. 72 auf Johan Halvorsens Transkriptionen der Musik des fela-Spielers Knut Dahle, der Griegs Umarbeitung selbst angeregt hatte. In dieselbe Zeit fällt das Verhältnis mit der Geigerin Bella Edwards, die er 1888 in København seine 3. Violinsonate op. 45 hatte spielen hören (M.W. Andreasen 1993). Edvard Munchs Litographie Fiolinkonserten von 1903 zeigt Bella Edwards zusammen mit der Pianistin Eva Mudocci (eigentlich Evangeline Muddock), deren Geliebter Munch war, und die später auch von Henri Matisse portraitiert wurde (R. Stang 1982). 1898 fand u.a. auf Griegs Initiative das 1. norwegische Musikfest in Bergen statt. Gegen viele Widerstände nicht zuletzt seines Kollegen Johannes Haarklou lud Grieg das Concertgebouw Orkest unter dem jungen Willem Mengelberg nach Bergen ein, um die norwegischen Musiker internationaler Konkurrenz zu stellen
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Die letzten Lebensjahre Griegs standen im Zeichen ungebrochener Reisetätigkeit und der ausführlichen Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik, so dem Opernschaffen von Strauss und Zemlinsky, den Symphonien Mahlers, den Liedern Wolfs und den Werken Debussys und Carl Nielsens (E. Grieg 1972a,b). Womöglich plante Grieg eine Aufführung von Mahlers 5. Symphonie, konnte diesen Vorsatz jedoch nicht mehr in die Tat umsetzen. In einem Brief an Henri Hinrichsen vom 23. Sept. 1904 bezeichnete er sie als «herausfordernd», über Debussy äußerte er: «Extravagante Musik, aber voller Talent; mir zehnmal sympathischer als der Plumpudding der jungen Deutschen» (H. Goldschmidt 1970 S. 159). Dies bezog sich auf Reger (H. Wirth 1971) und Strauss, dessen Tod und Verklärung er bewunderte (E. Grieg 1972b), dessen Salome er jedoch ablehnte: «Der Sieg der Technik über den Geist» vertraute er seinem Tagebuch am 15. Apr. 1907 an, und als «verkochten Kohlrabi mit Würstchen» (E. Grieg 1972a, S. 124) verachtete er die Kompositionen Regers, den er im gleichen Jahr in Berlin getroffen hatte. Ein angebliches Interview, das der amerikanische Diplomat Arthur Abell 1955 herausgab, ist von der neueren Forschung im Lichte auch der Erkenntnisse über Brahms, dessen Befragung der Hauptteil des Buches gewidmet ist, in seinem Realitätsgehalt stark angezweifelt worden (F. Dörschel 1995). Auch steht es in völligem Gegensatz zu Griegs 1905 veröffentlichter autobiographischer Skizze Mein erster Erfolg. Grieg engagierte sich Zeit seines Lebens in sozialen, politischen und linguistischen Fragen. Als 1904 der Stadtkern der westnorwegischen Hafenstadt Ålesund bis auf die Grundmauern nieder brannte, sandte Grieg als unmittelbare Reaktion seine gesamte Garderobe, mit der er auf Reisen war, dorthin. Ein offener Brief an Edouard Colonne angelegentlich der zweiten Verurteilung von Alfred Dreyfus führte bei einem späteren Auftreten in Paris zu nationalistischen Schmähungen. Der Brief ist auch als Erklärung für Debussys säuerliche Rezension dieses Konzertes herangezogen worden, die, da später in der Sammlung M.Croche Antidilettante veröffentlicht, dem Griegbild nicht nur in Frankreich einen gewissen Stempel aufgedrückt hat (J.-L. Caron 1994, D. Donnellon 1997). In der Frage der norwegischen Staatssprache ergriff Grieg früh Partei für das aus ländlichen Dialekten synthetisierte landsmaal (heute nynorsk), lehnte aber dessen Zwangseinführung als Schul- und Verwaltungssprache ab (H. Noreng op.cit., K. H. Oelmann 1993a). Mit Sympathien für die Republikaner, schloss sich Grieg in der Frage der Staatsform nach Erlangung der Souveränität 1905 gleichwohl der weit verbreiteten Ansicht an, dass nur ein König als Symbolfigur an der Spitze des Staates die in den Augen vieler Künstler traditionell streitsüchtigen Norweger vereinen könne (Brief an Gerhard Schjelderup vom 26. Okt. 1905, siehe auch E. Grieg/J. Röntgen 1997, S. 388 ff.).
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Nachdem er bereits am 10. Mai 1894 zum Dr. h.c. der Universität Cambridge promoviert worden war, wurde Grieg am 29. Mai 1906 auch zum Ehrendoktor der Universität Oxford ernannt. Dies war die letzte von zahlreichen Ehrungen, die er im Laufe seines Lebens erhalten hatte; u.a. war Grieg Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie, der Akademie der Künste in Berlin und der Ehrenlegion, außerdem korrespondierendes Mitglied der Académie des Beaux-arts, und war am 21. Jan. 1904 in seiner Heimat mit dem Großkreuz des St. Olav Ordens ausgezeichnet worden. Griegs Gesundheit hatte sich seit 1903 zusehends verschlechtert. Starke Brustraumbeschwerden lähmten seine geistigen und körperlichen Kräfte und führten zu einer Einschränkung seiner Kompositionstätigkeit; auch musste er eine Einladung in die USA abschlagen. 1905 traf er in London den jungen Percy Grainger, den er als kongenialen Interpreten seiner volksmusikbasierten Klavierwerke erlebte. Nach Konzerten in Deutschland spielte Grieg im Sommer 1907 aufgrund seiner hinfälligen Konstitution mit Selbstmordgedanken (Tagebucheintragung vom 13. Juli 1907). Gleichwohl traf er Anfang Sept. Vorbereitungen zu einer Reise nach Leeds, wo Olav Trygvason aufgeführt werden sollte. Sein Zustand machte jedoch eine Einlieferung ins Bergener Krankenhaus notwendig, wo er am 4. d.M. starb. Oberarzt Klaus Hanssen diagnostizierte ein Lungenemphysem als Todesursache (O.D. Lærum op.cit.). Beileidskundgebungen von Künstlern, Politikern und Monarchen aus aller Welt trafen bei seiner Witwe ein; seine Beerdigung vollzog sich unter außerordentlicher Anteilnahme der Bevölkerung.
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